Einen Monat hier…

Einen Monat sind wir jetzt schon hier und es fühlt sich schon viel länger an, aber auf der anderen Seite lässt mich dieses Land auch jeden Tag aufs neue staunen. Es ist erstaunlich wie schnell man sich an das andere Leben hier gewöhnt hat. Mittlerweile ist es für mich ganz normal ohne fließendes Wasser zu leben, ohne westliche Toiletten und jeden Tag morgens, mittags und abends Reis zu essen. Und auf einmal kommt einem Deutschland mit seinen hohen Lebensstandards und grauem Novemberwetter ganz weit weg vor. Denn es funktioniert hier alles, auch wenn es ganz anders ist als man es in Deutschland kennt. Der Verkehr ist so chaotisch und die Straßen sind schlecht. Neulich sind wir in einem MiniVan der für vielleicht 10 Leute ausgelegt waren mit 30 Menschen gefahren. Alles kein Problem hier. Und wenn die Ziege mit muss wird die eben auch noch aufs Dach geladen.

Die Orte hier sind so voller Leben, dass einem die sauberen Straßen der Heimatstadt direkt langweilig vorkommen. Hier laufen auf den Straßen Hühner, Ziegen und Straßenhunde zwischen Motorrädern, spielenden Kindern und Straßenständen. Von irgendwo dudelt Musik und von der Hauptstraße hört man das Hupen der Busse und Lkw.

Generell läuft hier vieles entspannter und ohne Zeitplan, zum Beispiel das Busfahren: man stellt sich einfach an die Hauptstraße und wartet bis hoffentlich bald ein Bus vorbeikommt der in die richtige Richtung fährt. Da kommt einem Deutschland fast spießig vor mit Bushaltestellen und genauen Fahrplänen. Die Menschen hier scheinen mehr im Moment zu leben, weniger zu planen.

Auf unserm Schulweg laufen wir entlang des Trisuli, der Fluss an dem unser Ort liegt. Umgeben sind wir von Bergen und Hügeln, und alles strahlt im satten Grün nach der Regenzeit. Und wenn besonders gutes Wetter ist kann man von unserer Schule aus sogar schneebedeckte Gipfel sehen.

Doch in diesem bunten chaotischen Land, dass für einen Besucher so spannend und faszinierend ist, ist das wirkliche Leben natürlich nicht entspannt und bunt. Nepal ist ein unglaublich armes Entwicklungsland und die Menschen arbeiten hart. Es führt kaum jemand das Leben dass er gerne führen würde. Vor allem im Gespräch mit jungen Erwachsenen geht es immer wieder um das immigrieren in andere Länder, am besten nach Europa. Man wird oft gefragt: Wie kriegt man ein Deutsches Visum? oder Hast du einen Bruder den ich heiraten kann um nach Deutschland zu kommen?  Viele wollen weg von hier, koste es was es wolle.

Auch die Jobsuche gestaltet sich schwierig, eine Arbeitsstelle bekommt nur der, der Kontakte oder Geld hat. Die Lehrer*innen an unserer Schule haben oft eigentlich etwas ganz anderes studiert, finden aber keinen Job und sind deshalb Lehrer*innen geworden, auch wenn sie es nie wollten. Und die Menschen mit denen wir hier bisher zu tun hatten, gehören definitv nicht zu den Armen des Landes. Fährt man aus den größeren Orten raus, sieht man die Landbevölkerung, die hart auf den Feldern arbeiten und in einfachen dunklen Häusern wohnen.

Landwirtschaft in Nuwakot

Und doch muss ich ganz subjektiv sagen, dass die Menschen nicht unglücklicher wirken als die meisten in Deutschland. Und dass obwohl wir so ein luxuriöses Leben führen wie kaum ein anderes Land. Wir haben große Häuser, Essen im Überfluss, fließendes Wasser, Versicherungen, Ärzte, gute Bildung, fette Autos vor der Tür stehen und hetzen uns doch gestresst durch jeden Tag. Sind nicht zufrieden mit unserem Alltag und vergessen dabei ganz, dass all das nicht selbstverständlich ist.

Dieser Monat hat mich schon sehr geprägt, denn als Mensch der in Europa aufgewachsen ist kann man sich nie wirklich vorstellen wie das Leben hier ist, bevor man selbst hier war. Ich bin unglaublich dankbar für all das was ich bisher erleben und sehen durfte und will noch so viel mehr sehen und erfahren. Denn auch wenn ich manchmal denke dass Leben und die Menschen hier ein wenig verstanden zu haben, erfahre ich wieder etwas neues, was meine Sicht völlig auf den Kopf stellt.

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